Barrierefreiheit wirkt sich ganz sicher positiv auf mobile Apps aus. Warum wird sie dann so oft vernachlässigt? Dafür gibt es viele Gründe: Zeit, Arbeisaufwand, Geld sowie die Annahme, dass behinderte Menschen diese App nicht nutzen. Aber ist das wirklich so?

Laut WHO sind 15 Prozent der Weltbevölkerung in irgendeiner Form behindert. Nach Angaben des tschechischen Statistikamtes sind allein in der Tschechischen Republik 13 Prozent der Bevölkerung in der Ausführung grundlegender Aufgaben eingeschränkt. Das sind mehr als eine Million potenzielle User. Wenn wir die moralischen und sozialen Beweggründe mal außer Acht lassen, sind diese 13 Prozent der potenziellen User nicht eine Änderung der Prioritäten in Ihrem Arbeitsvorrat wert?

Behinderungen vs. Barrierefreiheit

Um zu klären, wie Apps für Menschen mit Behinderungen barrierefrei gemacht werden, sollten wir erstmal über die verschiedenen Arten von Behinderungen sprechen, die dabei berücksichtigt werden müssen. Ich liste hier die Behinderungen auf, die die größten Auswirkungen auf mobile Apps haben, auch wenn es natürlich noch viele weitere gibt.

Sehkraft

User mit Sehbehinderungen haben häufig Probleme bei der Nutzung von Apps, die keine barrierefreien Elemente enthalten. Sehbehinderung bedeutet nicht unbedingt Blindheit. Zu den häufigsten Erscheinungsformen gehören Weitsichtigkeit (User sind nicht in der Lage, Objekte in der Nähe scharf zu sehen), Farbenblindheit oder wunde Augen. Um mobile Apps zugänglich zu machen, werden in der Regel die Schrift vergrößert, der Kontrast erhöht oder Signaltöne eingesetzt.

Gehör

Das häufigste Problem im Zusammenhang mit dem Gehör ist die Beeinträchtigung des Hörfeldes und die partielle oder vollständige Taubheit. Mobile Apps kompensieren diese Behinderung am häufigsten visuell (z. B. durch Text anstelle von Sprache oder Geräuschen) und haptisch (Vibration statt Klingelton).

Bewegung

Eine motorische Beeinträchtigung geht oft mit Schwierigkeiten beim Hinsetzen, Hinlegen, Aufstehen oder längerem Stehen einher. Die größte Einschränkung bei der Nutzung mobiler Apps sind Probleme mit der Feinmotorik oder der Geschwindigkeit der Bewegungen. Mit der zunehmenden Größe von Mobiltelefonen haben auch viele User Schwierigkeiten, das Telefon sicher mit einer Hand zu bedienen (was zum Beispiel durch die Funktion Reachability in iOS kompensiert wird).

Geistige Fähigkeiten

“Beeinträchtigte geistige Fähigkeiten” kann alles Mögliche bedeuten. Darunter fallen auch Gedächtnisprobleme – und die sollten Sie bei der App-Entwicklung in jedem Fall berücksichtigen. Das beste Tool ist ein gutes UX-Design, das so viele Informationen wie möglich als Standard bereithält, über den der User nicht mehr nachdenken muss (knowledge in the world). So kann zum Beispiel das Einloggen mit Face ID anstelle einer numerischen PIN erfolgen.

Um einzelne barrierefreie Funktionalitäten zu gestalten und zu priorisieren, ist es hilfreich, seine Zielgruppe gut zu kennen. Bei einer App für den tschechischen Markt sollten Sie beispielsweise Sehbehinderte gegenüber Analphabeten priorisieren. Für den Fall, dass Ihre App hauptsächlich von sehbehinderten Usern verwendet wird, lohnt es sich beispielsweise, mehr in haptische und auditive Signale zu investieren, anstelle von visueller Verschönerung.

Wie man die App barrierefrei gestaltet 

Sowohl Android als auch iOS verfolgen einen ähnlichen Ansatz in Sachen Barrierefreiheit. Beide Plattformen verfügen auch über eine breite Palette von Entwicklungs-Tools, die Barrierefreiheit ermöglichen. Was sollte Ihre App also können?

  1. Verwenden Sie die Systemeinstellungen für die Schriftgröße 

Es erscheint trivial, aber für die relativ zahlreichen Sehbehinderten ist es entscheidend. Die App mag mit kleinen Buchstaben toll aussehen und alles passt super auf das Display. Aber sie ist nutzlos, wenn der User den Text nicht lesen kann.

  1. Bauen Sie das laute Vorlesen des Textes ein 

Damit können sehbehinderte User auf Daten auf dem Display ihres Smartphones zugreifen. Android bietet Google Voice Assistant (früher TalkBack) an und iOS VoiceOver. Diese Tools unterteilen den Bildschirm normalerweise in einzelne Bereiche, zwischen denen der User mit Gesten wechselt. Beim Wechsel zum nächsten Bereich liest das Smartphone dessen Inhalt laut vor. Es empfiehlt sich, die einzelnen Bereiche der App zu betiteln, um die Navigation zu erleichtern.

  1. Untertiteln Sie den Ton

Falls Ihre App Videos oder gesprochene Texte enthält, sollten Sie diese Multimedia-Inhalte immer mit Untertiteln versehen.

  1. Testen Sie Gesten

Wenn Sie sich entscheiden, spezielle Gesten in Ihre Anwendung zu implementieren, testen Sie immer, ob die App auch ohne Gesten funktioniert. Oder bieten Sie den Usern eine Alternative an. Ein motorisch eingeschränkter User könnte Schwierigkeiten haben, einen schnellen Wisch mit drei Fingern auszuführen.

  1. Achten Sie auf eine einheitliche UX

Achten Sie darauf, dass Ihr App-Design einheitlich ist und die gleichen Bereiche in der gesamten App an den gleichen Stellen platziert sind. Ein anders platzierter Button ist auch für einen „normalen“ User ärgerlich, aber für einen User mit Behinderung kann das unter Umständen ein unüberwindliches Hindernis darstellen.

  1. Testen Sie die Zoom-Funktion 

User können den Inhalt um Hunderte von Prozent heranzoomen. Probieren Sie aus, wie die App im gezoomten Zustand aussieht. Ist alles noch scharf? Und wie einfach lässt sie sich bedienen?

Warum Sie sich für Barrierefreiheit entscheiden sollten

Beim Planen und Entwickeln einer mobilen App sollten Sie im Hinterkopf behalten, dass jeder siebte User eine Behinderung haben kann. Behinderungen können ganz unterschiedlich aussehen – und jede einzelne erfordert eine andere Anpassung. Glücklicherweise verfügen die beiden größten mobilen Plattformen über genügend Tools sowohl für die User als auch für die Entwickler. Jetzt ist es wichtig zu erkennen, dass Barrierefreiheit nicht nur eine weitere Funktionalität ist, sondern grundlegend für jede moderne App.

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